Martina Schucan
 
Ausdrucksstark im Leisen
Mittagsmusik in der ZB mit der Cellistin Martina Schucan

Peter Hagmann

"Ausverkauft", verkündet der rote Sreifen auf dem Plakat nächst dem Eingang. Nicht jedem Veranstalter grlingt das, bei der Mittagsmusik, welche die Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich anbietet, ist es aber öfter der Fall. Kein Wunder, der Lesesaal im Predigerchor bietet ein stimmungsvolles Ambiente, im Konzert herrscht ein lebhaftes Gemeinschaftsgefühl, und nach der musikalischen Darbietung steht etwas zu essen bereit.
Der Zentralbibliothek geben diese Anlässe die Gelegenheit, hörbar zu machen, was die Musikabteilung an handschriftlichen Schätzen aufbewahrt. So eröffneten die Cellistin Martina Schucan und der Pianist Eckart Heiligers ihr Rezital mit einem "Poème burlesque" von Max Lang (1917-1987), einem frühen, stilistisch noch unsicheren Stück des Zürcher Musikers, der ab 1951 in St. Gallen gewirkt und dort viel dirigiert hat. Während die Cellistin in dieser blumigen Musik weite Bögen ziehen konnte, hatte sie sich in den Drei kleinen Stücken für Violoncello und Klavier (op. 11, 1914) von Anton Webern auf delikate Tupfer und kleinteilige Verläufe zu konzentrieren, was ihr im Verein mit dem Pianisten vorzüglich gelang. Ueberhaupt scheint sie das Leise zu lieben - vielleicht darum, weil sie da besonders viel zu sagen vermag.
So wirkte es bei "Pohadka", dem "Märchen" für Violoncello und Klavier (1923) von Leos Janacek. Verhalten, ja herbstlich der erste Satz, in weitem Atem der zweite, während der dritte ungehemmte Fröhlichkeit verbreitete - denn fröhlich sein, das kann Martina Schucan auch. Eckart Heiligers am Klavier gab das mächtig Auftrieb - so mächtig, dass er in der Sonate für Violoncello und Klavier in D-Dur, op. 102, Nr. 2 (1815) von Ludwig van Beethoven mehr als einmal zu viel des Guten tat. Die Härte des Anschlags ging bisweilen an die Schmerzgrenze, und die schiere Kraft des offenen Flügels bedrängte die Partnerin am Streichinstrument.
Denn obwohl sie über einen körperreichen, warmen Ton verfügt, prunkt Martina Schucan nicht mit dem Klang, sie arbeitet vielmehr - bei einer Musikerin, die dem Neuen ganz besonders verbunden ist, erstaunt das nicht - ganz gezielt mit ihm. Das Allegro con brio vermochte sie darum in einen klar strukturierten, ausserdem wunderbar kantablen Ablauf zu fassen, während sie im Mittelsatz eine ganze Landschaft des ausdrucksvoll Leisen ausbreitete. Das Finale spitzten die beiden dann zu einem kontrapunktischen Husarenstück zu, nach dem man sich einigermassen vergnügt den kulinarischen Genüssen zuwandte.

Neue Zürcher Zeitung, 19.1.13

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